Das Rätsel Bacon

Mitte der 80er Jahre sprach Francis Bacon gelegentlich mit einem Freund über sein Schaffen.

Hier nun ein Auszug.

Bacon
Ich weiß nicht warum es immer heißt, ich befasse mich mit schockierenden Themen, ich finde sie nicht schockierend. Wahrscheinlich bekommt man dieses Etikett immer dann, wenn es einem gelingt, die Spannung des Lebens so direkt wie möglich zu vermitteln. Ich versuche ganz sicher nicht, etwas morbides in mein Werk hineinzulegen, nur bemühe ich mich, die Wirklichkeit eines Gegenstandes so intensiv wie möglich zu erfassen und es kann sein, daß dabei diese Elemente der Vergänglichkeit sehr stark mit hineinspielen, denn je heftiger und intensiver du lebst, desto bewußter muß dir der Gedanke des Todes sein. 

Zur Arbeitsatmosphäre
Die Atmosphäre eines Raumes beeinflußt mich sehr stark und so wußte ich auch gleich, als ich herkam, daß ich hier würde arbeiten können. Ich weiß nicht wie man den Spirit eines Raumes erklären kann, vielleicht liegt es an der Bauweise. In meinem Atelier habe ich die Decke abtragen lassen und dann das Licht, es war nicht ideal, weil es von Osten und Westen einfällt, aber ich wußte einfach, daß ich in dieser Atmosphäre arbeiten kann. 

Hier, gleich um die Ecke kaufte ich mir ein wunderschönes Atelier und habe es viel zu großartig hergerichtet, mit Vorhängen, Teppichböden, mit perfekten Lichtverhältnissen und allem Komfort, aber ich brachte dort einfach nichts zustande und war wie kastriert.

Wie arbeite ich: 
Natürlich könnte man ein Bild planen. Aber grundsätzlich entwickelt sich das während des Malens. Es gibt vorher keine Skizzen, sondern ich entwerfe ein Bild nur ganz grob mit dem Pinsel in vagen Umrissen und weiß oft nicht mal, wie es werden soll, es gibt nur eine ungefähre Vorstellung von dem was ich machen will. 
Ich kann tagträumen und alle möglichen Bilder sehen, die ich malen möchte und die wie Dias in meiner Vorstellung erscheinen. Diese „Dias“ vermitteln nur einen allgemeinen Eindruck. Eine Figur auf einem Bett oder zwei Menschen, die sich lieben, all das ergibt sich während des Malens und es wird dann präzisiert, aber manchmal werden sie auch völlig anders. Zufall oder wie auch immer man das nennen mag. 
Ich verwende auch Fotos als Inspiration, so wie andere Maler Modelle oder Gegenstände, denn eine Fotografie hemmt mich viel weniger als ein Modell, das vor mir sitzt. Es stimmt, ich habe nur Portraits von Menschen gemalt, die ich schon sehr gut kannte und die ich oft gesehen hatte, denn ich habe immer nach Fotos gemalt, auf die ich zurückgreifen kann, einfach um mein Gedächtnis für ihr Aussehen zu trainieren. 
Die Herausforderung einen Menschen zu portraitieren, besteht auch darin, daß ich spüre, daß vielleicht eine Karikatur entsteht. Ob eine Gefahr darin liegt? Nein, ich glaube nicht, aber ich denke, dass man sich oft der Karikatur nähert, wenn man es schafft, die Erscheinung einer Person wirklich zu vermitteln. Vermutlich gehen auch deshalb so viele Menschen zu einem konventionellen Maler, wenn sie ein Porträt von sich haben wollen. Aus irgendeinem Grund ist ihnen ein „Farbfoto“ lieber, als die Vorstellung, so eingefangen zu werden, wie sie wirklich sind. 

Wenn ich „dich“ ansehe, denke ich, ich sehe dich. Aber das stimmt nicht. Ich kann nicht einfach erklären, was du bist, was deine Wirklichkeit ist. Man müßte eine Technik hervorbringen, die alle Schwingungen des Seins einer Person zum Vorschein bringt. Wie willst du mit all den modernen Hilfsmitteln, mit Film und all dem anderen, die Wirklichkeit einfangen? Wie willst du eine Erscheinung einfangen, ohne sie nur abzubilden? 

Das ist eine der großen Herausforderungen des gegenständlichen Malens heute. Deshalb meine ich, daß ein Maler, wenn er das Leben darstellen will, eine sehr, sehr viel intensivere und stärker reduzierte Form finden muß, gewissermaßen die Intensität einer raffinierten Einfachheit. Es ist sinnlos, einfach jemand abzubilden. Deformation (als Verkürzung) ist eine Frage des Realismus. 

Ein Porträt ist erst dann ein großes Porträt, wenn es das wiedergibt, was man als Realismus des dargestellten bezeichnen kann und was einen Maler, bzw. Betrachter,  völlig unabhängig von der Deformation oder gewissen Veränderungen auf die Person zurück verweist, deren Wirklichkeit man einfangen will. Ich meine damit, die extremen Aspekte des Realismus. In irgendeiner Weise sind nur sie interessant. 

Bacon 124

Wir sprechen hier über etwas sehr schwieriges. Nämlich über die extremen Aspekte des Realismus. Nur das ist interessant. Und da die Techniken des Films und alle anderen Aufnahmeverfahren immer besser werden, wurden diese Aspekte auch für den Maler immer interessanter und zugleich immer enger abgesteckt. Er muß kreativer sein, wenn er die Wirklichkeit vermitteln will. Er muß die Realität neu erschaffen. Seine Phantasie muß geradezu die Realität bis auf das Nervensystem wegschwemmen, weil es in der Malerei nichts mehr gibt, was man als natürlichen Realismus bezeichnen könnte. Dieser kann nur neu geschaffen werden.



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